Schon seltsam: da liegt wochenlang eine Störung der Telematikinfrastruktur (TI) in über 80.000 Praxen vor, da fordert die Vertreterversammlung der KV Baden-Württembergs den Rücktritt des Vorstands der Bundes-KV, da tun sich 9 Kassenärztliche Vereinigungen zusammen und schimpfen in einem Schreiben an Minister Spahn über den „Steinzeitkonnektor“ und eine für die Basis nicht mehr tolerierbare Situation der TI-Anbindung, und da schicken aktuell vor zwei Tagen sogar alle 17 Länder-KVen gemeinsam mit der Bundes-KV einen Brandbrief mit harscher Kritik an der bisherigen Digitalisierungsstrategie in die Welt – und die Presse schweigt!

Drohendes Praxis-Sterben durch Pflicht zur e-AU

Nahezu ausschließlich das Handelsblatt berichtete vorgestern online. Für FAZ, SZ, Spiegel und andere scheint es nicht berichtenswert zu sein, dass eines der größten IT-Projekte der Welt, bei dem hochsensible Gesundheitsdaten ab 2021 auf Servern privater Firmen gespeichert werden sollen, gerade von den Körperschaften, die es umsetzen müssen, elementar in Frage gestellt wird. Geschweige denn dass in Bayern noch über 20 Prozent, bundesweit sicher auch noch deutlich über 10 Prozent aller Praxen sich dem Anschluss-Zwang widersetzen. Und offenbar haben sie auch keine Lust, wenigstens mal auf heise.de bzw. in der Zeitschrift c’t sich über die fachlichen Hintergründe der TI-Störung zu erkundigen, und dann darüber zu berichten. Dass bei Pflicht zur elektronischen AU ab 1.1.2021 nicht angeschlossenen Praxen sogar die Zulassung entzogen werden kann und somit quasi Berufsverbot droht – keinen Bericht wert!

Nur ja keine Unruhe hervorrufen?

Über Gründe dafür kann nur spekuliert werden. Alle nur mit Corona beschäftigt? Kann nicht sein, dafür sind doch – zum Glück – viele andere Themen noch in den Medien präsent. Thema zu komplex, nicht in Kürze vermittelbar? Mag sein, aber sollte die Bevölkerung nicht langsam mal von dem Projekt informiert werden, wenn in gut 5 Monaten über 70 Millionen Versicherte ihre Daten darin abspeichern sollen? Oder will man keinen Mißmut schüren, der die Akzeptanz der e-Akte gefährden könnte!? Nicht dass es wieder zu Diskussionen wie bei der Corona-App kommt! Und nicht zu vergessen, dass hinter dem Betreiber des Datennetzes, der Firma Arvato, der Bertelsmannkonzern steckt, der Einfluss auf viele Medien hat.

6 Kriterien für eine digitale Vernetzung

Telematikinfrastruktur und elektronische Patientenakte bzw. eine digitale Vernetzung von Behandlern im Gesundheitswesen werden mindestens 6 Kriterien erfüllen müssen, um breite Akzeptanz zu erreichen. Sie müssen

  • nützlich und überzeugend im medizinischen und wirtschaftlichen Sinn,
  • sicher,
  • dezentral gespeichert,
  • transparent gestaltet und kommuniziert,
  • freiwillig für alle Beteiligten (auch für Behandler) und
  • nachhaltig sein.

Ehrlich gesagt: bis jetzt ist keines dieser Kriterien erfüllt. Kein Wunder, dass die Akzeptanz zumindest bei Ärzten und Psychotherapeuten heute schon kaum gegeben ist, die – wenn überhaupt – sich nur unter dem Sanktionsdruck, aber nicht aus Überzeugung angeschlossen haben. Sie ist auch nicht bei den Patienten gegeben, spricht man sie in der Praxis auf dieses weitgehend unbekannte Vorhaben an.

Was steht also nun an?

Zum Einen müssen die KVen den Worten Taten folgen lassen – und mindestens den Honorarabzug rückgängig machen bzw. aussetzen. Zum Anderen muss sich dann zeigen, ob Minister Spahn dann eine Ersatzvornahme durchzieht mit Staatskommissaren für alle 17 KVen, was den Widerstand an der Basis verschärfen und seine politische Situation nicht vereinfachen dürfte. Oder ob er das TI-Projekt in seiner jetzigen Form zurückzieht, Fehler eingesteht und neue, zeitgemäßere Lösungen sucht, mit Berücksichtigung genannter Kriterien. Vielleicht die einzige Chance, seinen Kopf politisch zu retten. Ehrlich wäre es zumindest. Nötig allerdings auch!

TI-Störung, Brandbrief der KVen und drohendes Berufsverbot – aber die Presse schweigt!

2 Kommentare zu „TI-Störung, Brandbrief der KVen und drohendes Berufsverbot – aber die Presse schweigt!

  • 6. August 2020 um 17:59
    Permalink

    In der Berliner Zeitung von Gestern (05.08.2020), war auch ein Artikel zum Thema „Gesundheitsminister Spahn legt sich mit Ärzten an.“

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  • 27. Juli 2020 um 7:18
    Permalink

    Alles gesagt, was die Lage angeht – dieser obige Kommentar bedarf der weiten Verbreitung und einer Äusserung aus dem Ministerium, das dazu Stellung nimmt.

    Antworten

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