Erinnert sich noch jemand an Kalkar? Das Atomkraftwerk, als „Schneller Brüter“ bekannt, das für 1,8 Mrd. DM 1985 fertiggestellt wurde, aber nie in Betrieb ging? So eine ähnliche Bauruine könnte die Telematikinfrastruktur (TI) werden. Als die Grünen-Abgeordnete Klein-Schmeink gestern bei der Anhörung zur TI-Petition meinte, man könne die schon dafür ausgegebenen Milliarden ja nicht mehr zurückholen, konnte ich mir doch den Hinweis auf diese frühere grandiose Fehlinvestition nicht verkneifen. Zumal die Konnektoren wegen abgelaufener Zertifikate sowieso spätestens nach fünf Jahren ausgewechselt werden müssen und im Grunde ein Auslaufmodell sind. Soll ja irgendwann alles am besten nur noch über „Frontend“-Geräte laufen.

Petitionsbündnis – von links: Frank Gibis, IT-Security- & Network-Engineer; Silke Lüder, stv. Vorsitzende der Freien Ärzteschaft; Andreas Meißner; Annette Apel, Zahnärztin, stv. Vorsitzende der IG Med; Maria Kaschner, Zahnärztin

Dass die Sitzung 4 Minuten später anfing, war verständlich – schließlich waren schon zwei andere Petitionen vorher behandelt worden. Dass dann aber 7 Minuten vor Ende der angesetzten Stunde das Ganze beendet war, ohne Möglichkeit, noch etwas zu ergänzen, war unerfreulich. Manche live-Zuschauer der Petition hatten den Eindruck, dass hier nur ein lästiges Thema abgearbeitet wurde. Und: „Die schwammigen Antworten des Staatssekretärs werden nicht nur mir aufgefallen sein“, schrieb mir eine Kollegin. Das klang wirklich oft sehr nach angelesenen Floskeln, die dann in der Aussage gipfelten, dass in der Coronakrise die elektronische Patientenakte (ePA) gefehlt hätte, damit hätte man doch gut Rezepte aus den Praxen übermitteln können.

Hier war der Hinweis auf eher nötiges Pflegepersonal in der Coronakrise angebracht, und die Stärke des ambulanten Teils des Gesundheitswesens, wo der Großteil der Erkrankten abgefangen und behandelt wurde. Der Vorsitzende des Ausschusses schwärmte nach der Sitzungen von den schönen Möglichkeiten einer schnellen Übermittlung von Befunden und Rezepten. Eine doch etwas naiv anmutende Technologiegläubigkeit wurde hier deutlich. Die ePA wird unvollständig sein, und wenn so eine TI-Störung wie jetzt, wo zum Glück „nur“ das Versichertenstammdatenmanagement davon betroffen war, mal in ein oder zwei Jahren auftritt, dann haben wir einen Shutdown des Gesundheitswesens. Da werden viele Menschen und Politiker noch froh sein, wenn es noch TI-freie Praxen gibt. Die zu wählen der Patient auch heute schon bei freier Arztwahl die Möglichkeit weiter haben sollte, wie mein Begleiter, Frank Gibis, IT-Security- & Network-Engineer, treffend am Schluss meinte.

Videoaufzeichnung der Petitionssitzung – Medienberichte

Wer sich die Sitzung in Ruhe anschauen möchte, kann dies unter diesem Link gut machen (Timeline etwa ab 2:00:00 Stunden).
Gestern ist auch ein Interview im Berliner „Tagesspiegel“ erschienen, sowie ein Beitrag im „Notizbuch“ (BR-2-Radio) gesendet worden. Wenigstens etwas Presseresonanz.

„Kalkar des Gesundheitswesens“? – Zur Anhörung der Petition

2 Gedanken zu „„Kalkar des Gesundheitswesens“? – Zur Anhörung der Petition

  • 18. Juni 2020 um 10:14
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    https://thomas-gebhart.de/termine

    unter diesem Link gibt es heute eine Chat-Sprechstunde.

    Herr Meißner, vielen Dank für die Vertretung unserer Interessen und die nüchterne und gute Argumentation! Auch mich haben die pauschalen, inhaltsleer floskelhaften Äußerungen unserer Politiker schockiert. Ich fürchte, eine Änderung im Gesetzgebungsprozeß ist nicht zu erwarten, umso wichtiger sind die sozial- und verfassungsrechtlichen Schritte.

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  • 16. Juni 2020 um 17:08
    Permalink

    Hoffentlich „erlebt“ der Staatssekretär all die Segnungen, die eine elektronische Patientenakte zentral gespeichert so bereithalten wird, dass er seine Vorhersagen mit der späteren Realität abgleichen kann.
    Die Bundesregierung im Petitionsausschiuss „live“ zu erleben bei dieser Anhörung, war auch schon ein besonderes Erlebnis gestern am 15.06.2020.
    Danke für die gelungene Vorstellung!

    Antworten

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