Marc Beise, Leiter der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung, meinte dies im „Presseclub“ der ARD am 29.11.2020. Corona also war gut für sanften Druck oder gar Zwang sich digitalen Tools zuzuwenden. Warum aber widersetzen sich so viele Menschen immer noch der Rundum-Digitalisierung, und werden daher wohl kaum die elektronische Patientenakte nützen? Es hat etwas mit dem “Mindset” zu tun, der Haltung, so die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel in dieser Presserunde. Und die Haltung, die viele Deutsche zu neuen Technologien und digitaler Transformation einnehmen würden, sei schwierig:

“Es hat damit zu tun, dass wir eine spezifische Demographie haben, so dass man etwas zugespitzt sagen könnte, wir sind eine sehr gesättigte Gesellschaft an vielen Stellen, und wir sind durch die demographischen Entwicklungen so aufgestellt, dass viele Menschen darauf bedacht sind, den Bestand zu wahren, also nicht zu riskieren, dass sich durch Veränderung das, was sie erreicht haben, plötzlich gefährdet wird.”

Also kein Fortschritt durch die Digitalisierung, sondern eher Veränderung zum Negativen? Was das konkret bedeuten könnte, und wie man am besten heute schon in der Schule darauf vorbereitet, zeigte dann wiederum Marc Beise auf:

“Wir werden in Zukunft mehr gebrochene Lebensentwürfe haben, dass Menschen sich selbstständig machen, ihren Job verlieren, eine neue Firma gründen, vorübergehend angestellt sind, dann wieder in einer anderen Situation arbeiten, darauf sind wir auch im Schulalltag gar nicht vorbereitet. Die Schüler lernen das gar nicht. (…) Auf die neue Welt müssen Schüler vorbereitet werden.”

Schon komisch, dass Menschen für diese Veränderungen, diesen “Fortschritt”, nichts riskieren wollen! Doch wir haben gerade bei der digitalen Vernetzung von Praxen, Apotheken und Krankenhäusern noch mehr zu verlieren, nämlich den Bestand an Privatsphäre, Schweigepflicht und Freiheit, den wir mühsam erreicht haben, der nun also durch die Veränderungen gefährdet wird. Hauptsache, Daten werden produziert.

Intuitiv haben viele Menschen damit ein Problem, und werden auch die elektronische Patientenakte nicht nützen. Im Oktober 2021 kommt nun für Ärzte die Verpflichtung, das Formular für die Krankschreibung elektronisch zu erstellen (sie sollen es aber zusätzlich auch auf Papier ausdrucken – wieder eine wahre Erleichterung des workflows in den Praxen!). Und ab 2022 soll das e-Rezept kommen, wiederum verpflichtend. Viele ältere, chronisch und psychisch kranke Patienten werden das nicht wollen, werden aber dazu gezwungen. Auch viele Patienten, die heute akribisch prüfen, ob auch das Richtige auf dem Papier steht, werden das nicht gutheißen. Und uns würde damit eine wichtige Qualitätssicherung verloren gehen.

Damit wären wir dann beim Zwang angekommen. Der schon seit zwei Jahren auf Praxen angewandt wird. Denn wer sich nicht an die Telematikinfrastruktur anschließt, dem werden momentan 2,5% vom Behandlungshonorar abgezogen. Zwangsdigitalisierung kennen wir auch anderweitig. Da teilt einem die Diba Ing Bank beim Telefonbanking plötzlich mit, dass es dieses für das Sparkonto nun nicht mehr geben werde, man könne es nur online verwalten. Da verschwinden Radiosender von UKW ins Digitale, auch Fahrkartenschalter am Bahnhof sind geschlossen. Solaranlagenbetreiber müssen digitale Messgeräte (sog. “Smart Meter”) einbauen, obwohl die alten Zähler noch funktionieren. Da ist seit 2018 die Übermittlung der Steuererklärung ans Finanzamt auf digitalem Wege Pflicht. Da sprechen Pädagogen von einer Zwangsdigitalisierung der Schulen, weil dem Milliardenregen des Digitalpakts und den damit finanzierten Tablets und Computern kein Kind wird entkommen müssen, egal wie gesundheitsschädlich die Bildschirmtätigkeiten mehrere Stunden pro Tag für Kinder und Jugendliche sind (drei Stunden täglich in der Freizeit kommen ja noch dazu!). Wie werden ältere Menschen zukünftig noch Termine bei Behörden bekommen? Wo werden sie noch Bücher direkt ausleihen können, ohne etwa wie heute schon an der Zentralbibliothek Frankfurt benachteiligt zu werden gegenüber denen, die für die digitale Ausgabe den Vorzug bekommen?

Viele Menschen wollen es aus Sicht derer, die im Mainstream in das Digitale-Rückstand-Lamento einstimmen, eben einfach nicht kapieren. Und alles per Gesetz zu erzwingen scheint auch nicht zu gehen, weiß wiederum Marc Beise:

“Das Problem ist ja, wenn Sie das zentral durchregieren wollen von oben, brauchen Sie immer auf allen Ebenen Behörden, Institutionen, Menschen, die diese Entscheidung umsetzen. Wenn die nicht mitmachen, weil sie es noch nicht begriffen haben, dann kommen wir nicht voran.”

“Voran”, wohin eigentlich? Egal, muss nicht mehr hinterfragt werden. Das verstehen einfache Menschen nicht, das weiß nur die Elite. Durch Corona hätten es die Menschen in Schule, zuhause und im Betrieb nun gemerkt, dass man eben jetzt anders agieren müsse, als man früher agiert habe, und das werde bleiben:

“Da wird mehr Flexibilität in Zukunft da sein, und wir werden jetzt vielleicht die Veränderung kriegen, die wir seit Jahren fordern, als Wissende sozusagen.”

Was dieses Mindset, diese Haltung der “Wissenden” und der Zwang dann wiederum mit Vertrauen zu tun haben, sehen wir im nächsten Zitat – demnächst.

Das Zitat (3): “Ich bin so optimistisch im Moment, weil ich glaube, dass dieser Einschnitt jetzt so stark ist, dass jetzt so viele Menschen, die bisher dachten, sie können sich wegducken vor diesen ganzen schwierigen, anstrengenden Dingen der Digitalisierung, jetzt plötzlich ja gezwungen werden, sich damit zu beschäftigen, und das bleibt dann auch.”

3 Kommentare zu „Das Zitat (3): “Ich bin so optimistisch im Moment, weil ich glaube, dass dieser Einschnitt jetzt so stark ist, dass jetzt so viele Menschen, die bisher dachten, sie können sich wegducken vor diesen ganzen schwierigen, anstrengenden Dingen der Digitalisierung, jetzt plötzlich ja gezwungen werden, sich damit zu beschäftigen, und das bleibt dann auch.”

  • 16. Dezember 2020 um 12:03
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    Zitat aus dem Text “das verstehen einfache Menschen nicht, das weiß nur die Elite. ”

    Sorry aber der Duktus ( Konstruktion: Einfache Menschen – Elite) dieser Formulierung erinnert mich nun doch zuviel an rechtspopulistische Formulierungen und Mythenentwicklungen . Wer hat das denn formuliert?
    Bitte weiterhin sachlich bei den Problemen der TI bleiben.
    Die lehne ich in der jetzigen Form ab, weil nicht organisiert ist, dass die Daten der Menschen sicher sind ( s. C´t) und auch nicht entschieden werden kann, wer Einblick in die Daten bekommt!

    • 16. Dezember 2020 um 12:21
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      Verstehe Ihren Einwand. Die Formulierung, “das weiß nur die Elite”, bezieht sich auf die nachfolgende Aussage des SZ-Wirtschaftsredaktionsleiters, “und wir werden jetzt vielleicht die Veränderung kriegen, die wir seit Jahren fordern, als Wissende sozusagen”. Das mit den “Wissenden” klang in meinen Augen schon sehr elitär.
      Es bestätigt auch meinen Eindruck, dass hier Politiker, Medienschaffende und Techniker eine Entwicklung pushen, die an den Menschen und Bürgern völlig vorbei geht, mit autoritären Zwangselementen.
      Das zeigt sich bei TI, ePA, e-Rezept und e-AU, aber eben leider auch in vielen anderen Bereichen der sich rasant vollziehenden Digitalisierung. Die nicht rundum abzulehnen ist (sonst würde ich das hier auch nicht tippen), die aber doch differenzierter zu handhaben wäre.

  • 15. Dezember 2020 um 22:22
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    Wie sicher ist meine “digitale Identität”? Wer garantiert dafür?
    Eine Diskussion im Nachbarland:
    „Deutlichere Worte fanden die linken Vertreterinnen und Vertreter an der Medienkonferenz: «Die Privatisierung der E-ID kommt einer Bankrotterklärung des digitalisierten Staates gleich», sagte der Freiburger Nationalrat Gerhard Andrey (gp.). Das Ausstellen einer digitalen Identität sei Service public und eine staatliche Kernaufgabe, argumentierte die Zürcher SP-Nationalrätin Min Li Marti. «Man bestellt sich den Pass nicht bei Amazon und erneuert die ID auch nicht bei der UBS.»
    Die Digitalisierung der Gesellschaft müsse «mit Herz und Verstand» ­erfolgen, sagte der Zürcher GLP-Nationalrat Jörg Mäder. Für private Unternehmen sei es sehr «verführerisch, möglichst viele Daten zu sammeln». Für den Staat sei die E-ID ­dagegen kein Geschäftsmodell. Mit dem Öffentlichkeitsprinzip könnte den Behörden auch viel genauer auf die Finger geschaut werden. «Sensible Daten dürfen nicht in die Hände von Privaten gelangen», gab Karl Vögeli, Präsident des Schweizerischen Verbands für Seniorenfragen, zu bedenken. Das gelte auch für das elektronische Patientendossier – den Bruder der E-ID.“
    Die Identität wurde in Deutschland bei den Krankenkassen wie gesichert und „garantiert“?
    https://www.nzz.ch/schweiz/digitaler-schweizer-pass-kanton-waadt-leistet-offenen-widerstand-ld.1591457

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