Meldung vom Freitag, 27.12.2019, 16.00 Uhr:

„Wenn der Arztausweis an der Käsetheke abgeliefert wird, dann gibt es offenkundig eine Lücke im System. Recherchen von NDR und „Spiegel“ sowie Chaos Computer Club zeigen Sicherheitsmängel im Gesundheitsdatennetzwerk.“

Quelle: tagesschau.de; Vortrag vom 27.12.19 beim Chaos-Computer-Club: hier!

Wer berichtet darüber? Und vor allem: wer nicht?

Und immer ist so eine Geschichte auch ein Lehrstück über Medien. Über die Tagesschau hinaus haben rasch Handelsblatt, Spiegel, Focus, Tagesspiegel, Deutschlandfunk sowie weitere Zeitungen und Funkanstalten darüber berichtet. Eine Kollegin schreibt mir etwa dazu kurz nach 17.00 Uhr: „Das kommt viertelstündlich bei B5 aktuell“.

Als treuer Leser der Süddeutschen Zeitung, der ich auch gerne mal Kontakt mit Journalisten dort habe (wie etwa bei der kürzlichen Geschichte zu nicht lieferbaren Medikamenten), war ich dann schon auf die Samstagsausgabe gestern gespannt. Doch Fehlanzeige! Keine einzige Meldung zum Thema! Auch nicht online. Hier findet sich unter der Rubrik „thema/Chaos_Computer_Club“ zwar ein aktuelles Interview dazu, dass Zyklus-Apps sensible Daten mit Facebook teilen, die darunter gelisteten Berichte zum CCC stammen dann aber von 2017!

Gefährdete Gesundheitsdaten? Kaum ein Thema für die SZ

Das erinnerte mich doch sehr an den Gesundheitsdaten-Skandal vom September, als Röntgenbilder einer Ingolstädter Praxis sowie weltweit etliche weitere Daten offen über das Internet zugänglich waren – und die SZ, wieder im Gegensatz zu anderen Medien und trotz häufiger Meldungen dazu ab 7.00 Uhr am Vortag (somit ausreichend gegebener Zeit der Aufarbeitung), nicht über eine dürre, kleine Reuters-Meldung auf Seite 5 hinauskam, somit ohne eigene Berichterstattung. Das war damals eine Woche vor dem SZ-Digital-Health-Kongress (24./25.9.19). – Zufall?

SZ-Redaktionsleiter: „Sind Sie etwa gegen Digitalisierung?“

Ich durfte bei diesem Kongress als einziger Telematik-Kritiker auf einem Panel sitzen, und fragte dann in der Pause die für Gesundheitspolitik zuständigen Journalistinnen nach dem Grund für die mangelnde Berichterstattung. Nein, der Kongress kurz darauf habe keine Rolle gespielt. Aber vielleicht die Konkurrenz zum BR? Der nämlich hatte die Recherchen dazu maßgeblich betrieben (und ein Ex-SZ-Mitarbeiter war nun beim BR daran beteiligt gewesen). Hierauf kurzes Stutzen der Redakteurin. Dann: nein, nein, es seien so viele Nachrichten gewesen, die untergebracht werden mussten.

Nun aber aktuell wieder keine Meldung. Dazu der Eindruck einer äußerst Spahn und Gesundheits-IT zugewandten Haltung der doch eigentlich unabhängig-kritischen Tageszeitung. Mag der Süddeutsche Verlag als Veranstalter solcher Kongresse der finanzkräftigen IT-Branche da nicht zu nahe treten? Eine Teilnehmerin äußerte sich beim Digital-Health-Kongress leise-kritisch zur Telematik. Digitalisierung sei doch eh nicht aufzuhalten, und ob sie wohl dagegen sei, fuhr sie Marc Beise, Leiter der SZ-Wirtschaftsredaktion, barsch an.

Zukunft kommt nicht einfach …

Vielleicht sollte er mal die aktuelle Ausgabe seiner SZ von diesem Wochenende lesen, vor allem die Kolumne von Heribert Prantl auf Seite 5. Hier schreibt er u.a.:

„Zukunft ist nichts Festgefügtes, Zukunft kommt nicht einfach; es gibt nur eine Zukunft, die sich jeden Augenblick formt: je nachdem, welchen Weg ein Mensch, welchen eine Gesellschaft wählt, welche Entscheidungen die Menschen treffen, welche Richtung die Gesellschaft einschlägt.“

Und das ist für mich Motivation genug, den eingeschlagenen Weg ohne Telematikinfrastruktur beizubehalten. Und weiter für unsere Bundestagspetition gegen die zentrale Speicherung von Gesundheitsdaten zu werben, die noch bis 16.1.20 läuft!

Nachtrag (1.1.20): fairerweise muss nachgeschoben werden, dass nun zumindest verzögert in der Silvesterausgabe vom Dienstag ein Bericht sowie ein Kommentar in der SZ erschienen sind (jeweils verlinkt).

Allerdings zielt der Kommentar, ausgehend von den vom CCC gefundenen Schwachstellen, dann mehr auf die Forderung einer freiwilligen Nutzung der elektronischen Patientenakte durch Patienten ab, die aber bisher zum Glück nicht in Frage steht. Vielleicht hat die Autorin aber auch in Richtung DVG damit gedacht, wo Patienten ja nicht mehr gefragt werden, ob ihre Abrechnungsdaten für Forschung verwendet werden.

Schön wäre es nur, wenn auch wir Behandler entscheiden dürften, ob und wie wir mit den neuen Techniken umgehen wollen!

„Arztausweis landet an der Käsetheke“ – Fragwürdiges auch bei der Berichterstattung

2 Kommentare zu „„Arztausweis landet an der Käsetheke“ – Fragwürdiges auch bei der Berichterstattung

  • 30. Dezember 2019 um 15:55
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    Was hat denn wohl Marc Beise geritten ??? Der ist doch eigentlich ein kluger Kopf .Aber wahrscheinlich ist Herr B. privat versichert, dann können ihn die
    “ Segnungen“ der TI wie auch viele Politiker nicht treffen

  • 29. Dezember 2019 um 18:43
    Permalink

    Ergo: SZ-Abo kündigen!!!

Kommentare sind geschlossen.