„Die elektronische Patientenakte, die von Januar 2021 an für jeden Patienten in Deutschland zur Verfügung stehen soll, wird zunächst eine entscheidende technische Einschränkung haben. Anders als geplant wird es für Patienten am Anfang nicht möglich sein auszuwählen, welche ihrer persönlichen Informationen ein Arzt, Apotheker oder Therapeut einsehen darf und welche nicht“. Das stammt nicht von mir – sondern aus der SZ von gestern (verlinkt zum Nachlesen).

Dazu im Artikel ein Bild vom Chip der elektronischen Gesundheitskarte mit dem Zusatz: „Der gläserne Patient wird Wirklichkeit“. So langsam scheint es auch bei den Medien anzukommen, wie bedenklich die Speicherung von sensiblen Gesundheitsdaten in Internet-Clouds ist.

Algorithmen zur Patientensteuerung

Derweilen macht die Bundes-KV (KBV) brav ihre Hausaufgaben und setzt das TSVG um. Eigentlich sollen ja die Terminservicestellen entscheidenden, welcher anrufende Patient an die Notrufnummer 112 durchgestellt wird, oder in die Notaufnahme eines Krankenhauses, zum ärztlichen Bereitschaftsdienst oder ins Wartezimmer einer offenen Praxis geschickt wird, die bald jede Woche freie Termine melden soll oder gar muss.

Offenbar wird hier nicht-medizinischem Personal hohe medizinische Kompetenz zugestanden. Ab nächstem Jahr soll nun aber gar ein „automatisiertes Ersteinschätzungsverfahren“ eingeführt werden, dass dann die Dringlichkeit und optimale Versorgungsebene bei Patienten festlegt, die unter 116117 um Hilfe nachfragen. Entsprechende Pläne stellte die KBV aktuell in Berlin vor (Bericht auf aend.de).

Das sog. SMED-Verfahren (Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland) soll dann vier Dringlichkeitsstufen berücksichtigen, nämlich Notfälle, schnellstmögliche ärztliche Behandlung, eine Behandlung innerhalb der nächsten 24 Stunden und eine weniger dringende Behandlung. Als Versorgungsebenen werden Rettungsdienste aufgeführt, selbst aufzusuchende Notaufnahmen, niedergelassene Ärzte und ärztliche Telekonsultationen.

Also werden sich wohl auch hier Patienten mit Auswahlmöglichkeiten durch ein Menü klicken, wie man das mittlerweile von vielen Hotlines kennt. Viele ältere Patienten werden vermutlich überfordert sein, andere werden die Dringlichkeit dramatisieren, um rasch Hilfe zu bekommen. Ob durch das System jedoch Fehlsteuerungen vermieden werden können, bleibt abzuwarten. Kostenintensives menschliches Personal spart es in jedem Fall.

Algorithmen bald vermehrt für Diagnostik und  Behandlung?

Es fragt sich schon, ob durch derart technokratisches Vorgehen Patienten gesünder werden. Grundsätzlich müssen Algorithmen ja nicht schlecht sein. Bei der Diabetesbehandlung leisten sie schon gute Dienste, beim besseren Suchen nach Auffälligkeiten auf Röntgen- und Kernspinbildern ebenso. Im psychiatrischen Bereich sind bereits Apps verfügbar, die Verhalten und Schreibweisen von Patienten auf mögliche Suizidalität hin prüfen. Sensoren im Blut messen Kreislaufparameter, Seniorenwohnungen werden mit Überwachungstechnik ausgestattet, Algorithmen erfassen hier schon minimale Beeinträchtigungen der Leistungsfähigkeit. Künstliche Intelligenz versucht heute schon an der Stimme zu erkennen, ob jemand an Alzheimer oder Depression leidet. Automatische Sprachanalyse mißt Fortschritte in der Psychotherapie.

Im Grunde könnte man eigentlich gleich den Arzt in der Praxis ersetzen. Algorithmengesteuerte Call-Center, online-Fragebögen und daraus folgende Behandlungsvorschläge, gleich an Datenbanken zur Wechselwirkung von Medikamenten geprüft, können irgendwann unsere Aufgaben vielleicht übernehmen. Internetpsychotherapie wird schon diskutiert, Gesprächsalgorithmen für einsame Menschen gibt es bereits.

Neue Zeit – blindes politisches Handeln, wachsame Patienten und Ärzte

Wir gehen offenbar einer neuen Zeit entgegen, deren Kommen von Gesundheitsministern wie Jens Spahn mit blinder Allheilserwartung an Technik und Internet beschleunigt wird. Es kann einem das Gruseln dabei kommen. Anderseits: keine App und keine Videosprechstunden kann die direkte zwischenmenschliche Beziehung ersetzen. Die Menschen werden vielleicht zunächst verlockt werden von den neuen technischen Möglichkeiten, aber abzuwägen wissen, wo sie hilfreich sind – und wo nicht. Heute schon sprechen viele Patienten ihre oft verwirrenden Recherchen über Symptome im Internet an. Die ärztliche Kompetenz wird weiter gefragt sein. Digital nicht oder falsch erkannte Krankheiten werden für genügend Beschäftigung sorgen, ebenso die jetzt schon zunehmende Internetsucht.

Die Angst, die Jens Spahn erst kürzlich wieder vor Gesundheitsdiensten etwa von Google oder Amazon als Begründung für sein eiliges Voranschreiten geäußert hat, teile ich jedenfalls nicht. Unfug wird nicht besser, indem man ihn nachmacht oder zu überholen sucht. Eine Patientin rief gestern morgen an und fragte besorgt, ob ich wohl das mit den Krankenkassen und den online-Daten mitmachen würde. Ich konnte sie beruhigen. Sie ist nicht die erste, die mich darauf angesprochen hat und nach Mitteilung meiner TI-Verweigerung erleichtert war. Dazu passt die aktuelle Umfrage des Bayerischen Facharztverbandes, dass über die Hälfte der bayerischen Ärzte die TI weiter kritisch sieht. Und viele bereit sind, eine Klage mitzufinanzieren, die es über Crowdfunding zum passenden Zeitpunkt auch geben wird. Dafür kann man dann auch die digitalen Möglichkeiten nützen.

SZ: „Bei Spahns Patientenakte wird Datenschutz erst nachgeliefert“ – und: Algorithmen zur Pat.steuerung

2 Gedanken zu „SZ: „Bei Spahns Patientenakte wird Datenschutz erst nachgeliefert“ – und: Algorithmen zur Pat.steuerung

  • 24. Mai 2019 um 7:41
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    Lieber Bürger,

    ich schenke Dir ein Haus. Ich kann zwar nicht garantieren, wer sich in Deinen Räumen rumtreibt und was er da macht, weil die Türen noch fehlen und niemand genau weiß, ob und wann diese geliefert werden. Aber Du hast es gut zu finden und sofort einzuziehen!

    Nicht auszudenken was passieren würde, wenn Herr Spahn statt Gesundheitsminister, BER Verantwortlicher geworden wäre. Die Rollbahn ist zwar noch nicht fertig, aber ab sofort wird da gestartet und gelandet …..

    Durchhalten, kann ich nur sagen!

  • 22. Mai 2019 um 15:54
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    Sehr schöner und positiver Artikel! Auch wir lassen uns definitiv nicht aus der Ruhe bringen und haben auch keine Installation bzw. Anschluss an die TI vorgenommen. Von den Patienten kommt momentan noch kein großes Feedback. Es ist also bei den Patienten in der Tragweite noch nicht richtig angekommen was hier eigentlich läuft. Leider machen hier in Baden-Württemberg die Kollegen das doch in größerem Umfang unkritisch mit und wir haben hier auch keinen so gut organisierten Verband der sich in so vorbildlicher Weise für die Patienten einsetzt. Leider. Aber vielleicht tut sich ja was.

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