Vielleicht hat ja der eine oder andere etwas Zeit, über Pfingsten sich ein paar Berichte zur TI und elektr. Patientenakte anzusehen, anzuhören oder zu lesen. Gerade dieser Tage sind dazu viele Informationen bei mir eingegangen:

Wieder Patientendaten gehackt worden – in den USA

– In den USA sind bei 2 Pharmafirmen gerade Millionen Patientendaten geleakt worden, wie am 6.6. gemeldet wurde (Bericht bei heise.de).

IBM sammelt schon fleißig Patientendaten – in den USA

Einen Tag später erschien ein Bericht im Ärztenachrichtendienst zu einer Jahrestagung des wissenschaftlichen Instituts der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zur Digitalisierung im Gesundheitswesen. Bei dieser Tagung berichtete ein IBM-Verantwortlicher über die guten Erfahrungen damit in den USA (interessant, dass da jemand von IBM spricht!). Hier seien die Ärzte mit Zuschüssen zur Installation bewegt worden.

Der Referent dem Bericht zufolge meinte dann noch, dass Daten sammeln und abspeichern nicht reiche; vielmehr müsse es darum gehen, Prognosen über zukünftige Erkrankungen des Patienten abzuleiten, um damit Präventionsmaßnahmen einleiten zu können. Nötig sei dafür die Auswertung von möglichst vielen Patientendaten mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI): das Kerngeschäft von Watson Health. Vor zehn Jahren habe man in den USA begonnen, solche Daten zu sammeln. Schon 2013 habe man dann genügend Gesundheitsdaten generieren können, um sie sinnvoll für die Versorgungsforschung nutzen zu können.

E-Akte in den USA akzeptiert? Ein Kollege schrieb kürzlich, er habe aus direkter Verwandtschaft in den USA gehört, wo jemand seit 25 Jahren ärztlich forscht und praktiziert, dass von digitaler Patientenakte keine Spur sei, und auch von Seiten der Ärzte kein Interesse. Dies zum Thema „alle Länder sind viel weiter als die Deutschen, wir haben einen gewaltigen Nachholbedarf“  – alles Propaganda!

Estland – das große Vorbild?

Dazu Anmerkungen zu einem Interview mit Estlands Präsidentin Kersti Kaliyulaid in der SZ, erschienen ebenso gestern. Estland wird ja auch immer als großes digitales Vorbild gepriesen. Sie merkte hier an, dass wir in Deutschland ja immer noch keine E-Gesundheitsdienste hätten, wo sich Leute mit ihrer digitalen DI einloggen und etwa ihre Labortests abrufen könnten. Dabei wüsste man doch, dass überall in Europa diese Labore eigene Systeme betreiben würden, die total unsicher seien.
Und: man wisse ja nicht, wer zuletzt die Papierakte in der Arztpraxis gelesen habe. Online wisse man das. Wer auch immer die Daten lese, hinterlasse einen elektronischen Fingerabdruck. Und man könne sich bei ihr ausschließlich mit ihrer persönlichen ID einloggen, nicht als Institution.

Man fragt sich dann aber schon, wie in den letzten Jahren außer in den USA auch in Singapur und Norwegen Patientendaten verschwinden konnten. Und über Pannen bei der Datenfernübertragung von Labordaten ist mir zumindest nie etwas bekannt geworden. Aber kritisch nachgefragt wurde zu diesen pauschalen Äußerungen im Interview natürlich nicht.

Weitere Berichte und Artikel

Der Kollege Stefan Streit hat beim Chaos-Computer-Club wieder einmal schön die ganze TI-Katastrophe zusammengefasst, Link zum Video hier!

Im Deutschlandfunk, der öfter mal zur Digitalisierung im Gesundheitswesen kritisch berichtet, wurde am 1.6. auch die Kritik an den Spahn-Plänen zur elektr. Patientenakte aufgegriffen, zu hören hier!

Im WDR-Radio gab es im Mai ein hörenswertes vierteiliges Feature zum Thema „Mein Körper, meine Daten“, wiedergegeben die jeweiligen Inhaltsbeschreibungen vom WDR:

Teil 1: Das Wirtschaftswachstum der kapitalistischen Staaten erlahmt. Das Gesundheitswesen wächst und erweist sich als Motor der Ökonomie. Unternehmen arbeiten fiebrig an der Medizin der Zukunft mithilfe von großen Datenmengen und KI-Systemen. Die Methoden – diverse Daten zusammenzuführen – stammen vom Militär. Führt Big Data zur Dauerüberwachung der Patienten und zur Ökonomisierung der Medizin?
Teil 2: Präzisionsmedizin in der Krebstherapie ist die große Hoffnung für Erkrankte. Individuell und gezielt möchten Ärzte den Tumor eines Patienten behandeln. Unternehmen bieten neue Instrumente für Diagnose und Therapie an, die sie zuvor aus großen Datenmengen gewonnen haben. Start-ups und Pharmafirmen konkurrieren um ihre Pfründe.
Teil 3: Radikale Verfechter der Big-Data-Medizin verkünden: Je mehr Daten wir in Systeme der Künstlichen Intelligenz eingeben, desto überlegener werden sie gegenüber dem Arzt. Kritiker raten zur Vorsicht und entwerfen eine Medizin, bei der Künstliche Intelligenz ein Instrument des Arztes bleibt – gerade auch in der Psychiatrie, wo es um Geist und Seele geht.
Teil 4: In der Medizin der Zukunft sollen Daten so reibungslos wie möglich fließen: vom Patienten zur Krankenkasse, zum Arzt, zur Klinik, zu Forschern. Was passiert, wenn der Patient in einer vernetzten Klinik behandelt wird und seine Patientenakte offenlegen muss? Kann er davon profitieren und gleichzeitig seine Datenautonomie behalten?

Und schließlich sind noch eigene Beiträge im „NeuroTransmitter“ erschienen, zur Nervosität auf allen Seiten, was TI und elektr. Pat.akte betrifft, sowie zur erreichten Grenze der Zumutbarkeit, wenn nun nicht-medizinische Kräfte oder gar Algorithmen bei den Terminservicestellen entscheiden, ob der anrufende Patient in die Praxis gehen kann, oder einen Bereitschafts- bzw. gar Notarzt benötigt. Und dafür werden wir gezwungen (wieder einmal!), Termine bereit zu stellen.

Frohe Pfingsten!

Wenigstens dokumentiert soll der ganze Irrsinn sein – auch um den Überblick noch ansatzweise zu behalten. Möge nun aber während meines Urlaubs ein Pfingstwunder über uns hereinbrechen und die Verantwortlichen zur Vernunft kommen lassen! Unrealistische Hoffnung, ich weiß. Daher: „Wunder“! Frohe Feiertage!

Neues zu TI und elektronischer Patientenakte und drum herum

2 Gedanken zu „Neues zu TI und elektronischer Patientenakte und drum herum

  • 10. Juni 2019 um 19:36
    Permalink

    1%Brutto sind 0.5% netto. Also auf „mehr brutto vom netto“ laut CDU

    Antworten
  • 9. Juni 2019 um 16:08
    Permalink

    An der Stelle mal ein Dankeschön für die Berichterstattung und die viele Arbeit!
    Ebenfalls schöne Feiertage, einen schönen Urlaub und natürlich insgesamt einen schönen Sommer.
    Zum Thema hab ich gerade gelesen, auch wenn ich kein Fan des britischen Königshauses bin, dass es dort ein Problem mit der Online Sicherheit gab. Hacker veröffentlichten angeblich private Bilder …
    Insofern ein weiteres Beispiel dafür, wie (un)sicher Daten im Netz sind!

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