– Aus einem Rundschreiben der KV Bayern vom 14.02.2019 –

Vor wenigen Tagen erhielten bayerische Ärzte und Psychotherapeuten ein Rundschreiben ihrer KV, das Druck macht. „Spätestens ab 1. Juli müssen Vertragsärzte und –psychotherapeuten in ihren Praxen das Versichertenstammdatenmanagement durchführen“, so die KVB. Für die, die noch nicht an die TI angeschlossen seien, sei es also höchste Zeit zu handeln. „Praxen, die bis Ende März keine rechtsverbindlichen Verträge abschließen, müssen wir – rückwirkend ab 1. Januar 2019 – das Honorar um 1 Prozent kürzen“.

Verunsicherung durch Druck

Eine Psychoanalytikerin schrieb mir daraufhin:

Ich habe mich mit großer Überzeugung gegen die Telematik entschieden und Ihren Aufruf unterschrieben. Mit den Drohgebärden der KV bekomme ich kalte Füße. Muß man damit rechnen, dass es nicht bei den 1% bleibt? Es kursiert, dass man gar nicht mehr abrechnen kann bzw. man durch das Gesetz gezwungen werden kann und dann die Telematik-Installation selbst finanzieren muß?

Von einem höheren Honorarabzug ist bisher nichts bekannt. Keine Panik! Auch irgendwelche technischen Komplikationen sind bisher nicht absehbar.
Ja, es kann natürlich sein, dass man in zwei oder drei Jahren die Technik selbst bezahlen muss, sollte es gar keinen Ausweg mehr geben. Das ist mir zumindest im Moment der Widerstand wert (und ist aber unwahrscheinlich, Finanzierungsvereinbarung läuft bis 2022!).
Musterklagen wiederum werden erst nach abgelehntem Widerspruch gegen den entsprechenden Honorarbescheid möglich sein – somit frühestens im Sommer 2020. Das erfordert mentales Durchhaltevermögen (evtl. auch schon heuer noch: Abzug für Quartal 1/19 rückwirkend nach 1.7., also evtl. im entsprechenden Honorarbescheid).

Protest formulieren!

Eine Münchner Internistin wiederum schickte mir heute ihre Antwort an die bayerische KV, die ich mit ihrer Erlaubnis hier wiedergebe. Vielleicht sollten mehr Kollegen solche Briefe an ihre KV schreiben, alleine schon, um aktiv werden zu können!

„Sehr geehrte Damen und Herren,

vorerst werde ich mich nicht an die TI anschließen lassen. Der Patientenstammdatenabgleich ist keine ärztliche Aufgabe und künftig geplante Anwendungen wie die elektronische Patientenakte lehne ich in der geplanten Form ab. Die Patientendaten werden auf einem zentralen Server der Gematik liegen. Dies ist trotz aller Beteuerungen absolut nicht sicher. Interessanterweise lehnen gerade diejenigen meiner Patienten, die in der IT-Branche tätig sind,  die zentrale Speicherung ihrer Daten ab.

Ich bin durchaus technikaffin und lehne TI nicht grundsätzlich ab. Jedoch wünsche ich mir eine dezentrale Speicherung der Patientendaten und sichere Übertragungswege, die im Bedarfsfall genutzt werden. Die wichtigsten Daten wie Medikationsplan, Allergien etc. haben auf der Chipkarte Platz. Es ist zeitaufwändig, große Datenmengen auf einem zentralen Server zu sichten. Wir werden immer mehr in den PC schauen, anstatt uns mit dem Patienten zu beschäftigen. Wer pflegt die ganzen Datenmengen? Wer löscht Diagnosen, die nicht mehr zutreffen? Die Patienten sollen per Smartphone Zugriff auf ihre Daten haben. Was ist z.B. mit der zunehmenden Zahl an älteren Menschen, die gar kein Smartphone bedienen können? Die werden von vornherein ausgeschlossen, die TI nutzen zu können. Gewinner sind Firmen wie die CompuGroup. Allein das Praxisarchiv (zum Aufrufen eingescannter Befunde) für einen einzigen Rechner kostet mich bereits jetzt 300 Euro plus eine monatliche Softwarepflegegebühr. Ich zahle mittlerweile für 5 Minuten Dienstleistung meines Softwarehauses 10 Euro + Mehrwertsteuer bei erbärmlicher Performance.

Es ist absolut indiskutabel, dass man mir rückwirkend ab 1.1.19 tatsächlich 1% meines Gehaltes abzieht wie einer unartigen Schülerin, der man das Taschengeld kürzt. Das ist noch nie dagewesen. Ich vermisse in diesem Punkt die Unterstützung der KVB.

Nicht wenige meiner Kollegen, die über 60 sind, überlegen ernsthaft, vorzeitig aufzuhören, weil sie sich nicht an die TI anschließen lassen wollen. Damit verschärft sich der bereits jetzt regional bestehende Ärztemangel weiter. Hoffentlich hat die Politik das bedacht.“

Soweit dieser gute Brief! Und wer sich den Beitrag in „Kontrovers“ des Bayerischen Fernsehens vom 13.02.2019 zur elektronischen Patientenakte noch ansehen will, hat hier die Möglichkeit:

Druck von der KVB! – Aber: nur keine Panik!

Ein Gedanke zu „Druck von der KVB! – Aber: nur keine Panik!

  • 21. Februar 2019 um 14:59
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    Liebe Kolleginnen und Kollegen,
    es bedarf keiner großen Phantasie, um sich plastisch vor Augen zu führen, daß der sog. Stammdatenabgleich nur ein allererster Schritt in die totale Abhängigkeit von den Krankenkassen ist.
    Warum sollte nicht z.B. bei jedem Arztbesuch die Karte eingelesen werden müssen – „besser“ noch wäre dies beim Betreten und Verlassen der Praxis. Sicher bestünde ein Interesse entsprechende Zeitprofile auszuwerten.
    Warum des weiteren sollte – ich denke an das sog. elektronische Rezept – nicht sofort die Krankenasse Einspruch erheben können, daß dieses oder jenes Medikament nicht übernommen werden kann…
    Unsinnige Kassenfragen, wie sie jetzt schon – ohne Rechtsgrundlage! – ins Haus flattern, könnten künftig junk-mail-artig dem Arzt über die „sichere Internetleitung“ –, die ja selbstverständlich nicht vor dem Computer des Arztes enden muß – im Schwall überbracht werden.

    Als von einer „grünen Gesundheitsministerin“ vor knapp 20 Jahren der ICD-Code verpflichtend eingeführt wurde, habe ich noch Listen ausgelegt und gehofft, der Unsinn gehe an uns vorbei. Welche Eigendynamik der ICD Code entwickelte und zu welcher bürokratischen Monstrosität der Zwangsgebrauch allerorten führte, muß ich Ihnen nicht darlegen.

    Ich freue mich, daß Sie sich dem Thema der Zwangsdatenübertragung widmen. Ich selbst vermute allerdings, daß Kontrolle und Bürokratie den Zenit noch nicht überschritten haben.

    Mit besten Grüßen
    Ihr Reinhard Platzek

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