Mit dem Druckschreiben der bayerischen KV (ähnlich vielleicht auch in anderen Bundesländern) wurden viele Kolleg*innen nervöser. Bald 1% (oder mehr %?) weniger Honorar? Zum Märtyrer will man dabei nicht werden. Lesegeräte bald nicht mehr verwendbar? Pflicht zur elektronischen AU-Bescheinigung, laut TSVG? Es scheint eng zu werden. Aber schauen wir uns doch die Punkte mal genauer an:

1% weniger Honorar. Erst mal warten, bis es soweit ist. Wenn, wie die bayerische KV schreibt, tatsächlich ab 1.7. rückwirkend zum 1.1. der Honorarabzug erfolgen soll, müsste das ja eigentlich logischerweise schon im Honorarbescheid für das 1. Quartal 2019 vollzogen werden, somit im Bescheid vom August. Wäre zwar ärgerlich, so schnell schon. Aber auch gut, weil es dann einen klagefähigen Bescheid gibt. Und für Klagen bereiten sich die Freie Ärzteschaft und die IG Med schon vor. Infos dann zum gegebenen Zeitpunkt.

Lesegeräte nicht mehr brauchbar? Hat mich zunächst auch erschreckt. Aber Silke Lüder, stv. Vorsitzende der Freien Ärzteschaft, konnte mich beruhigen. Sie ist seit 14 Jahren, also von Anfang an, mit der Gesundheitskarten-Geschichte befasst (stoppt-die-e-card.de). 2009 ca. wurden Kartenlesegeräte zur Pflicht, die dann auch online-fähig für die spätere Telematik sein sollten. Das sorgte damals bei vielen Kolleg*innen schon für Unmut. Also behielten viele die alten Geräte bei – und siehe da, sie funktionierten immer noch.

Ähnlich wird das auch jetzt sein. Niemand, weder die KVen noch das Bundesgesundheitsministerium, kann ein Interesse daran haben, dass Hunderte oder Tausende Praxen nicht mehr arbeiten können. Und wenn es so ist: dann am besten bei der Zeitung oder Fernsehen anrufen, „ich kann nicht mehr arbeiten, weil meine Geräte wirkungslos gemacht wurden, und meine vielen Patienten stehen aber da …!“ Und: ob und wann die Daten auf der eGK tatsächlich vom unverschlüsselten in den sog. „verschlüsselten Bereich“ gezogen werden, wie die KVB (pdf vom 12.2.19, S. 10/11) das ankündigte, bleibt erst mal abzuwarten. So einfach ist das alles gar nicht. Und die Rede war ja auch davon, dass das erst bei „flächendeckender Anbindung deutschlandweit an die TI“ geschieht. Der Begriff „flächendeckend“ ist hier noch nicht definiert. 80, 90 oder 99% der Praxen?

Was die elektronische AU-Bescheinigung betrifft, die laut TSVG ab 2021 elektronisch an die Krankenkassen gehen soll, was ohne TI ja schlecht geht: für den Arbeitgeber muss sie ja immer noch ausgedruckt werden. Auch hier lohnt es sich, erst mal abzuwarten, was passiert! Zu klären wird auch hier sein, ob man zu elektronischer Vorgehensweise gezwungen werden kann.

Die elektronische Patientenakte, im Übrigen, wird bisher irgendwo gespeichert. Wo genau, weiß scheinbar noch keiner. Vor einer Woche habe ich offiziell die gematik angefragt. Außer Bestätigung der Anfrage mit Ticketnummer bisher keine Antwort. Laut Ärztezeitung vom Juni 2018 sollen Kopien der Daten verschlüsselt „in Rechenzentren gespeichert werden, die der jeweilige Aktenanbieter innerhalb der gesicherten Telematikinfrastruktur betreiben soll“. Wer sind die „jeweiligen Aktenanbieter“? Vermutlich die Krankenkassen. Unvorstellbar, dass die Daten bei ihnen gespeichert werden. Dann doch eher bei den IT-Unternehmen, die für die Krankenkassen die elektronischen Patientenakten basteln. Will man aber das? Ein Grund mehr, abzuwarten!

Und werden die Geräte irgendwann nicht mehr bezahlt, wenn man sie doch noch anschafft? Dem erwähnten pdf der KVB (S. 20) ist zu entnehmen, dass die Finanzierungsvereinbarung mit den Krankenkassen im Moment bis 2022 läuft. Man geht also nicht leer aus, wenn man mal noch entspannt dem technischen Chaos zusieht. Weiter dagegen zu protestieren, alleine durch Nicht-Installation, lohnt sich!

Denn Ziel kann auf jeden Fall sein, das Ganze zu verzögern, und damit das eine oder andere wenigstens zu verhindern, etwa auch was weitergehende u. U. verpflichtende Anwendungen betrifft.

Schreiben Sie Leserbriefe zu erscheinenden Artikeln wie heute in der SZ, Seite 2. kontaktieren Sie Ihre Bundestagsabgeordneten, und sprechen Sie mit Patienten und Bekannten darüber. So langsam scheint das Thema Aufmerksamkeit zu bekommen. Obwohl es so komplex ist.

Abwarten – und SZ heute lesen!

4 Gedanken zu „Abwarten – und SZ heute lesen!

  • 4. März 2019 um 11:11
    Permalink

    Wie rechnet man Kassenpatienten ab, die in die Praxis kommen und nur noch Gesundheitskarten haben, die zwingend die TI voraussetzen? Da nutzt einem das alte Lesegerät gar nichts mehr.

    Antworten
    • 4. März 2019 um 12:44
      Permalink

      Erst mal abwarten. Von neuen Gesundheitskarten, die zwingend die TI voraussetzen, ist meines Wissens nach bisher nicht die Rede. Die derzeitigen G2-Karten gehen ja für die TI und für die bisherigen Lesegeräte.
      Ich schließe nicht aus, dass ich nicht alle Planungen für die nächsten Jahre kenne. Aber Interesse daran, dass Hunderte und Tausende Praxen nicht mehr arbeiten können, hat keiner, auch nicht die „Gegenseite“.

      Antworten
  • 27. Februar 2019 um 20:57
    Permalink

    Hallo Herr Meißner,
    ich verfolge Ihre Aktion schon seit längerer Zeit und stimme den Bedenken bzgl. des Datenschutzes vollkommen zu!
    Unabhängig davon ärgert mich die Art und Weise, wie die Einführung der Telematik durchgesetzt werden soll, auch wenn ich evtl. ein Einzelfall bin, oder auch nicht …
    Mir wird quasi per Gesetz verordnet, dass ich für etwas, was ich nicht selbst gewählt habe, in Vorkasse gehen soll. Tue ich dies nicht, droht man mir mit Honorarabzug.
    Nun ist meine Lebenssituation vielleicht besonders, was ich hier nicht näher ausführen möchte.
    Aber selbst wenn ich die TI wollte, wäre es mir aktuell unmöglich, die Kosten für die Kassen, welche ja letztlich die Finanzierung übernehmen sollen, auszulegen.
    Eine entsprechende Anfrage bei meiner KV erbrachte nur den Hinweis, dass ich ja ein Formular, nur über die TI erhältlich ausfüllen könnte. Dann bekäme ich zumindest die Erstausstattungspauschale nach ca. 40 bis 45 Tagen.
    Da ich leider kein Minister bin, keine Diäten erhalte, laufende Kosten habe, welche jedes Jahr steigen … ist dies ein weiterer Grund, keine Anbindung an die TI vorzunehmen!

    Antworten
  • 26. Februar 2019 um 19:18
    Permalink

    Lieber Andreas Meißner, leider habe ich erst heute in der SZ von der Protestaktion gegen die Anbindung gehört, werde mich dem anschließen. Den Artikel finde ich sehr gut, präzise auf den Punkt gebracht, schlüssige Argumentation, ohne Polemik. Ich hoffe, es wird mir gelingen, auch noch andere Kollegen anzustoßen.
    Ich wünsche uns allen viel Erfolg gegen die IT-Anbindung.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.